Konferenzbaustein · 45 Minuten
Bezugsnormen: Woran messen wir?
Sach-, Individual- und Sozialnorm bewusst unterscheiden
Ziel
Das Team klärt, welche Bezugsnorm für welchen Zweck gilt, und vereinbart einen gemeinsamen Umgang damit.
Input für die Moderation
Ausformuliert zum direkten Vortragen – du brauchst keine Vorbereitung.
Worum es geht
Jede Bewertung setzt eine Leistung in Bezug zu einem Massstab – dieser Massstab heisst Bezugsnorm. Welche Norm wir wählen, entscheidet mit, was eine Note oder Rückmeldung überhaupt aussagt. Drei Normen sind zu unterscheiden; sie schliessen sich nicht aus, dienen aber unterschiedlichen Zwecken.
Sachnorm (kriteriale Norm)
Die Leistung wird an vorher festgelegten fachlichen Kriterien gemessen – unabhängig davon, wie andere abschneiden oder wie sich die Person selbst entwickelt hat. Für kompetenzorientierte Beurteilung ist dies die tragende Norm, weil sie sich direkt auf die Lehrplankompetenz bezieht. Voraussetzung: Die Kriterien sind vorab bekannt und für alle gleich.
Individualnorm
Die Leistung wird am bisherigen Lernfortschritt derselben Person gemessen. Sie eignet sich hervorragend für formatives Feedback und stärkt die Motivation, weil sie Fortschritt sichtbar macht. Für eine Zeugnisnote allein ist sie ungeeignet – sie sagt nichts über das erreichte Kompetenzniveau aus.
Sozialnorm
Die Leistung wird im Vergleich zur Gruppe (z. B. der Klasse) eingeordnet. Bei prognostischen, selektiven Entscheiden ist sie manchmal unumgänglich, sollte aber nie mit einer Aussage über erreichte Kompetenz verwechselt werden: Eine gute Note in einer schwachen Klasse bedeutet nicht dasselbe wie in einer starken.
Warum das im Alltag zählt
Viele als «ungerecht» erlebte Situationen entstehen, weil Lernende oder Eltern eine andere Norm erwarten als die Lehrperson tatsächlich angewendet hat. Entscheidend ist deshalb weniger, welche Norm «richtig» ist, sondern dass die Norm bewusst zum Zweck passt und transparent kommuniziert wird.
Ablauf
- 10′
Input
Kurzer Input zu den drei Bezugsnormen (Sach-, Individual-, Sozialnorm) – die ausformulierten Textbausteine dazu stehen unten im Abschnitt «Input für die Moderation» und in der Präsentationsansicht.
- 15′
Fallbeispiele einordnen
In Gruppen die fünf Fallbeispiele (siehe Arbeitsblatt) den Normen zuordnen und begründen, welche Norm hier angemessen ist. Die Auflösungen stehen unten im Abschnitt «Fallbeispiele».
- 15′
Diskussion
Strittige Fälle im Plenum diskutieren – besonders die Frage, wann eine Sozialnorm vertretbar ist.
- 5′
Vereinbarung
Eine gemeinsame Faustregel festhalten, wann welche Norm gilt.
Moderationsleitfaden
- Mach den häufigen Konflikt bewusst: Eltern und Lernende erwarten oft eine andere Norm als die Lehrperson anwendet.
- Bleibe bei konkreten Fällen aus dem Schulalltag – abstrakt bleibt es folgenlos.
- Halte fest, dass die Sachnorm für Zeugnisnoten die tragende Norm ist.
Fallbeispiele
Für die Fallarbeit in diesem Baustein. Die Auflösung ist für dich als moderierende Person gedacht – auf dem Arbeitsblatt für die Teilnehmenden erscheint sie nicht.
Fall 1. Eine Schülerin steigert sich im Semester deutlich – von klar ungenügenden zu soliden Arbeiten. Im Zeugnis steht dennoch eine 4, weil das aktuelle Kompetenzniveau nicht höher trägt.
Welche Norm bestimmt die Zeugnisnote – und wo hat der Fortschritt seinen Platz?
Auflösung: Zeugnisnote = Sachnorm (erreichtes Niveau). Der Fortschritt gehört ins Gespräch und ins formative Feedback (Individualnorm), nicht in die Note.
Fall 2. Dieselbe Vortragsleistung ergäbe in der leistungsstarken Parallelklasse eine 4, in der schwächeren eine 5.
Was läuft hier schief?
Auflösung: Hier wirkt unbemerkt die Sozialnorm. Für vergleichbare Noten braucht es dieselben, vorab festgelegten Kriterien (Sachnorm).
Fall 3. Vor einem Vortrag erhalten alle die gleichen Beurteilungskriterien (Aufbau, Sprache, Medieneinsatz). Bewertet wird strikt danach.
Welche Norm ist das – und ist sie hier richtig?
Auflösung: Sachnorm – und genau richtig für eine summative Leistungsbewertung.
Fall 4. In der Rückmeldung zu einem Übungstext hebt die Lehrperson hervor, was sich gegenüber dem letzten Text verbessert hat.
Welche Norm trägt dieses Feedback?
Auflösung: Individualnorm – ideal für formatives Feedback, das zum Weiterlernen motiviert.
Fall 5. Beim Übertrittsentscheid in die Sekundarstufe ist einzuschätzen, ob die Leistung für ein bestimmtes Niveau reicht.
Darf hier die Gruppe eine Rolle spielen?
Auflösung: Prognostisch ist ein Bezug zur Sozialnorm manchmal unvermeidbar – er muss aber transparent gemacht und darf nicht mit der Kompetenzaussage verwechselt werden.
Diskussionskarten
Eine gute Note in einer schwachen Klasse – bedeutet das dasselbe wie in einer starken?
Wann ist es fair, den individuellen Fortschritt in die Note einzurechnen – und wann nicht?
Wie kommunizieren wir die verwendete Bezugsnorm gegenüber Eltern?
In welchen Situationen schleicht sich bei uns unbemerkt die Sozialnorm ein?
Ergebnisformular
Unsere Faustregel: Sachnorm gilt bei …
Individualnorm nutzen wir für …
Sozialnorm nur, wenn …