Was die Forschung nicht stützt
Eine glaubwürdige Beurteilungskultur benennt nicht nur, was hilft, sondern auch, was sich trotz grosser Verbreitung nicht belegen lässt. Diese Seite ist als Orientierung gedacht, nicht als Vorwurf: Viele der genannten Praktiken sind gut gemeint und weit verbreitet. Wo eine verifizierte Quelle vorliegt, ist sie am Ende der Seite aufgeführt.
Anpassung an «Lernstile»
Die Vorstellung, man müsse Unterricht an einen bevorzugten Wahrnehmungskanal anpassen (visuell, auditiv, kinästhetisch), ist verbreitet, hat aber keinen belegten Nutzen für das Lernen. Wirksame Differenzierung setzt nicht am vermeintlichen Lerntyp an, sondern am Vorwissen, am Anforderungsniveau und an universell wirksamen Strategien wie verteiltem Üben und Abrufen.
Personenbezogenes Lob als Feedback
Rückmeldungen, die die Person bewerten statt die Sache («du bist begabt», «du bist eben kein Sprachtyp»), sind kein wirksames Feedback. Über 607 Effektstärken hinweg fanden Kluger und DeNisi (1996) im Mittel zwar einen positiven Feedbackeffekt, aber in 38 Prozent der Experimente senkte Feedback die Leistung – besonders dann, wenn es die Aufmerksamkeit auf die Person statt auf die Aufgabe lenkte. Wie Feedback stattdessen aufgebaut wird, zeigt der Feedback-Kreislauf.
Reine Notenrückmeldung ohne Kommentar
Eine blosse Note ohne inhaltlichen Kommentar sagt den Lernenden nicht, was sie konkret verbessern können. Sie taugt zur Bilanz, nicht zur Steuerung des weiteren Lernens. Wenn eine Rückmeldung das Lernen voranbringen soll, braucht sie eine sachbezogene Aussage dazu, wo die Arbeit steht und was der nächste Schritt ist.
Soziale Bezugsnorm als dominanter Massstab
Wird die Leistung überwiegend am Vergleich mit der Gruppe gemessen, ist das motivational ungünstig, vor allem für schwächere Lernende. Die drei Bezugsnormen und ihr sinnvolles Zusammenspiel sind auf der Seite Bezugsnormen der Beurteilung beschrieben. Ebenso wichtig ist die Gegenwarnung: Die individuelle Bezugsnorm allein blendet überdauernde Leistungsunterschiede aus und darf die Sachnorm nicht ersetzen.
Benotung überfachlicher Kompetenzen
Personale, soziale und methodische Kompetenzen förderorientiert zu beobachten und zurückzumelden ist sinnvoll. Sie zu benoten ist es nicht: Die Validität und Reliabilität solcher Noten ist fragwürdig, weil der Massstab kaum eindeutig festzulegen ist. Was eine Beurteilung überhaupt gütekriterial trägt, steht auf der Seite Gütekriterien einer Beurteilung. Massgeblich bleiben die kantonalen Vorgaben.
Überhöhte Effektstärken für formative Beurteilung
Werte um d = 0.7 für formative Beurteilung sind nicht gedeckt. Die sorgfältige Meta-Analyse von Kingston und Nash (2011) kommt auf d = 0.20. Was das bedeutet und warum die höheren Zahlen der Prüfung nicht standhalten, steht auf der Seite Wie stark wirkt formative Beurteilung?.
Belege
Kluger, A. N. & DeNisi, A. (1996). The Effects of Feedback Interventions on Performance. Psychological Bulletin 119(2), 254–284. doi.org/10.1037/0033-2909.119.2.254
Kingston, N. & Nash, B. (2011). Formative Assessment: A Meta-Analysis and a Call for Research. Educational Measurement: Issues and Practice 30(4), 28–37. doi.org/10.1111/j.1745-3992.2011.00220.x