Wie stark wirkt formative Beurteilung?
Formative Beurteilung gilt als eine der wirksamsten Massnahmen für besseres Lernen. Diese Seite nimmt die Zahlen dahinter ernst – auch dort, wo sie ernüchternder ausfallen als oft behauptet. Denn eine Beurteilungskultur, die sich auf überhöhte Versprechen stützt, verliert an Glaubwürdigkeit, sobald jemand genauer hinsieht.
Was eine Effektstärke ist
Wenn die Forschung fragt, wie stark eine Massnahme wirkt, verwendet sie oft die Effektstärke d. Sie sagt, um wie viel sich eine Gruppe, die eine Massnahme erhält, im Schnitt von einer Gruppe ohne diese Massnahme unterscheidet – gemessen in Streuungseinheiten, nicht in Noten.
Als grobe Orientierung gilt: d = 0.2 ist ein kleiner, d = 0.5 ein mittlerer und d = 0.8 ein grosser Effekt. Wichtig: Eine Effektstärke ist ein statistischer Durchschnitt über viele Studien, keine Garantie für die eigene Klasse. Sie sagt nichts darüber, ob eine Massnahme in einer bestimmten Situation gelingt.
Was die sorgfältige Prüfung zeigt
In vielen Ratgebern kursieren hohe Werte von d = 0.4 bis 0.7 für formative Beurteilung. Diese Zahlen halten einer sorgfältigen meta-analytischen Prüfung nicht stand.
Kingston und Nash (2011) sichteten über 300 Studien. Nur 13 lieferten verwertbare Daten mit 42 unabhängigen Effektstärken. Das gewichtete Mittel lag bei d = 0.20, der Median bei 0.25 – also im Bereich eines kleinen, nicht eines grossen Effekts.
Die Wirkung schwankt stark nach Fach
Der Durchschnitt verdeckt grosse Unterschiede zwischen den Fächern. Kingston und Nash fanden für Sprache d = 0.32, für Mathematik d = 0.17 und für die Naturwissenschaften nur d = 0.09. Was in einem Fach spürbar hilft, kann in einem anderen kaum messbar sein. Das ist kein Argument gegen formative Beurteilung, sondern eine Erinnerung daran, dass ihre Wirkung von Fach, Aufgabe und Umsetzung abhängt.
Was das für dich heisst
- Nicht entmutigen lassen. Ein kleiner Effekt über viele Klassen hinweg ist keine Aussage über deine Klasse. Gut gemachte Rückmeldung kann bei einzelnen Lernenden viel bewegen.
- Auf die Qualität achten, nicht auf das Etikett. Der Nutzen entsteht nicht dadurch, dass etwas «formativ» heisst, sondern dadurch, dass die Rückmeldung verständlich ist und tatsächlich verarbeitet wird. Der Feedback-Kreislauf zeigt, wie das gelingt.
- Skeptisch bleiben bei runden Versprechen. Wo eine Methode mit einer einzelnen grossen Zahl beworben wird, lohnt sich der Blick auf die Quelle.
Wenn ein Werkzeug auf dieser Website ein Evidenzlabel trägt, verweist es auf diese Seite, damit die Einordnung nachvollziehbar bleibt.
Beleg
Kingston, N. & Nash, B. (2011). Formative Assessment: A Meta-Analysis and a Call for Research. Educational Measurement: Issues and Practice 30(4), 28–37. doi.org/10.1111/j.1745-3992.2011.00220.x