Zum Inhalt springen
Beurteilungskompass
methode· ca. 10 Min.· formativ, summativ

Typische Beurteilungsfehler vermeiden

Passt zu: Analysieren und bewerten

Was

Auch mit gutem Willen unterlaufen Beurteilungsfehler – systematische Verzerrungen, die nicht mit der eigentlichen Leistung zu tun haben. Sie zu kennen ist der erste Schritt, sie zu vermeiden.

Wann einsetzen

Als Selbstcheck vor und nach jeder summativen Bewertung, besonders bei mündlichen oder beobachteten Leistungen.

So geht's

  1. Prüfe den Reihenfolgeeffekt: Wird eine mittelmässige Arbeit nach einer sehr guten strenger beurteilt als nach einer schwachen?
  2. Prüfe den Halo-Effekt: Beeinflusst der Gesamteindruck einer Person (z. B. generell «gute Schülerin») die Einschätzung einer einzelnen Kriterien-Ausprägung?
  3. Prüfe die Erwartungshaltung: Fliesst das bekannte bisherige Leistungsniveau in die aktuelle Einschätzung ein, statt nur die vorliegende Leistung zu betrachten?
  4. Nutze wo möglich anonymisierte Korrektur oder eine zeitversetzte zweite Durchsicht bei unsicheren Fällen.
  5. Hole bei Zweifeln eine zweite Einschätzung einer Kollegin oder eines Kollegen ein.

Beispiel

Bei der Korrektur von Aufsätzen liest die Lehrperson die Klasse in zufälliger statt alphabetischer Reihenfolge und legt zuerst anhand einer eigenen Musterlösung fest, woran die mittlere Qualitätsstufe erkennbar ist – bevor die erste Arbeit gelesen wird.

Stolpersteine

  • Beurteilungsfehler lassen sich nie ganz ausschliessen – das Ziel ist, sie bewusst zu reduzieren, nicht perfekte Objektivität zu erwarten.
  • Zeitdruck begünstigt fast alle bekannten Verzerrungen zusätzlich.
  • Ein Kriterienraster schützt nicht automatisch vor Beurteilungsfehlern, wenn es zu vage formuliert ist.

Fachliche Grundlage: Hanni Lötscher, Markus Roos, «Kapitel 7.7», in Lötscher, Naas, Roos (Hrsg.), Kompetenzorientiert beurteilen, hep 2023 — eigenständig bearbeitet und neu formuliert. Quelle & Lizenz (CC BY 4.0).